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Der Duden. Ein "Sprachpanscher" mit "lächerlichem Angeber-Anglizismus"?

von Sabine Fritz (Kommentare: 0)

Acht von zehn Anglizismen sind überflüssig, so der Verein Deutscher Sprache und kürte den Duden bereits zum "Sprachpanscher des Jahres". Als Begründung führte er "sprachliches Imponiergehabe" und "lächerlichen Angeber-Anglizismus" an und verurteilt die Aufnahme zu vieler Anglizismen in das deutsche Regelwerk.
Und sowohl DIN-Normen als auch die tekom legen es dem Redakteur nahe, deutsche Terme vorzuziehen und Anglizismen zu vermeiden.

Hier steht der Technische Redakteur vor einem immer größeren Dilemma

Denn neue Technologien aus dem englischen Sprachraum verbreiten sich hierzulande in Windeseile. Sei es durch unsere tägliche Portion "Apple" oder Innovation Hubs deutscher Maschinenbauer im Silicon Valley. Die Grenzen sind dabei fließend und hierdurch werden englische Bezeichnungen für neue Gegenstände und Prozesse ohne nennenswerte Verzögerung auch hierzulande verwendet.

Bevor sich der Redakteur über eine deutsche Bezeichnung Gedanken machen kann, haben sich die englischen Bezeichnungen häufig bereits im deutschen Sprachraum etabliert.

Betrachtet man die deutschen Dax-Konzerne, so strotzen deren Internetseiten vor Anglizismen. Untersuchungen ergaben, dass etwa jedes fünfte Wort der deutschen Internetpräsenz von Adidas englisch ist. Bei BMW, Linde und Infineon ist es fast jedes dritte Wort. Soll der Redakteur hier die Corporate Language einhalten, so gerät er in einen Konflikt zwischen den beiden Sichtweisen.

Ein weiteres aktuelles Beispiel ist das omnipräsente Thema Industrie 4.0 mit Bezeichnungen wie "Cyber-Physical System", "Smart Factory" und "Plug & Work".

Krampfhafte Versuche des Redakteurs bereits etablierte englische Bezeichnungen zu verdeutschen führen immer häufiger dazu, dass

  • die deutsche Bezeichnung nicht annähernd an die tatsächliche Bedeutung des Anglizismus herankommt,
  • das knappe englische Wort durch sperrige und langatmige deutsche Erklärungen ersetzt wird,
  • der Übersetzer die sperrige deutsche Erklärung nicht mehr mit dem eigentlich richtigen "Anglizismus" übersetzt.

Dem Redakteur bleibt heute nichts anders übrig, als zum Denglisch-Experten zu werden.

Welche Konsequenzen kann die Technische Redaktion daraus ziehen?

Für den Technischen Redakteur stellen sich folgende Fragen:

Existiert für das englische Wort, das in Deutschland schon eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, ein besseres deutsches Wort? Besitzt dieses deutsche Wort den gleichen Bekanntheitsgrad wie das Englische? Bezeichnet es genau das, was mit dem Anglizismus gemeint ist?


Und noch ausschlaggebender: Wie bekannt ist der jeweilige Anglizismus bei der Zielgruppe des Textes? Denn hier besteht die Gefahr, dass der Anglizismus in der Zielgruppe standardmäßig verwendet wird, und das verdeutschte Wort einen Fremdkörper darstellt.

Letztendlich muss sich der Redakteur an den jeweiligen Branchenjargon anpassen und für eine bessere Verständlichkeit den Anglizismus verwenden.

Sprache ist etwas außerordentlich demokratisches.

Tagtäglich entscheiden wir alle, welche Wörter verwendet werden – welche Anglizismen sich durchsetzen. Somit ist der Duden kein "Sprachpanscher", sondern spiegelt die Realität wider. Denn neu in den Duden aufgenommene Wörter basieren auf der Häufigkeit, mit der sie in einem Textkorpus von 4 Milliarden Einträgen aktueller Zeitungen und Sachtexte vorkommen.

 

Stimmen Sie ab und sehen Sie dann live das Ergebnis aller Teilnehmer:

 

 

 

 

 

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