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Denken Sie an die 2 Grad?

von Julia Bischoff (Kommentare: 0)

Machen Sie ein kleines Experiment mit mir:

Fixieren Sie einen beliebigen Gegenstand im Raum, zum Beispiel die Kaffeemaschine. Stellen Sie diesen Gegenstand scharf und versuchen Sie dann, Ihr gesamtes Blickfeld wahrzunehmen, ohne den Blick von der Kaffeemaschine abzuwenden.

Sie werden feststellen:

Sie sehen die Kaffeemaschine scharf, doch mit zunehmendem Abstand zur Kaffeemaschine nimmt ihre Sehschärfe rapide ab.

Wenn wir uns nur auf einen festen Punkt konzentrieren, dann verschwimmt der Inhalt am Rand. Haben wir einen Text vor uns und fixieren einen Buchstaben, so können wir nur in einem sehr engen Sehwinkel von etwa 2 Grad scharf sehen. Das entspricht je nach Schriftgröße ca. 3 bis 8 Buchstaben. Also gerade einmal einem durchschnittlichen deutschen Wort.

Je weiter sich der Sehwinkel öffnet, desto unschärfer wird die Umgebung. Hier können wir ca. 24 bis 30 Buchstaben wahrnehmen. Der weiter außen liegende Rest ist so undeutlich, dass wir dort nichts mehr richtig erkennen können.

 

Wie können wir also mehr als 10 Wörter pro Minute lesen, wenn wir nur ein so kleines scharfes Sehfeld haben?

Lesen ist kein Prozess  bei dem Wörter ausgesprochen werden, sondern bei dem gedruckten Wörtern eine Bedeutung gegeben wird.

Durch den blinden Fleck (dort wo der Sehnerv ist), muss sich unser Auge konstant bewegen um diesen auszugleichen. Unser Auge scannt also die Umgebung um ein vollständiges Bild zu kreieren.

Der Leser fokussiert aber nur auf ca. 60% der Wörter wenn er liest. Unser Gehirn nimmt die hervorstechenden Elemente war und füllt alles andere drumherum auf. Wir sehen also nicht mit unseren Augen, sondern mit unserem Gehirn.

Da wir nur 3-8 Buchstaben gleichzeitig scharf wahrnehmen können füllt unser Gehirn den Rest auf, indem es die Semantik, Terminologie und Syntax einer Sprache benutzt, um die Wörter zu erraten. Ist das Wort unbekannt oder zu lang kann unser Gehirn dies nicht mehr abfangen.

 

Testen Sie sich selbst:

Fokussieren Sie Ihren Blick auf den Wortanfang.

Können Sie das Ende des Wortes noch scharf erkennen? Hat Ihr Gehirn das Wortende automatisch ergänzt?

 

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(Die letzten beiden Wörter waren übrigens jahrelang die längsten Wörter in der deutschen Sprache)

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