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Das mentale Lexikon wird dem Redakteur zum Verhängnis

von Sabine Fritz (Kommentare: 0)

Im mentalen Lexikon – einem Teil unseres Langzeitgedächtnisses – ist der gesamte Wortschatz eines Menschen gespeichert. Jeder Erwachsene verfügt über einen Wortschatz von durchschnittlich 50.000 aktiv verwendeter Wörter. Die folgenden Texte zeigen die unglaubliche Leistung, die unser Gehirn in diesem Zusammenhang vollbringt. Zugleich verdeutlichen sie jedoch, vor welche Herausforderung das mentale Lexikon den Redakteur stellt.

 

Test 1

D45 G3HT J4 W1RKL1CH:
Ehct ksras! Gmäß eneir Sutide eneir Uvinisterät, ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wort snid, das ezniige was wcthiig ist, das der leztte Bstabchue an der ritihcn Pstoiin snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sein, tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, weil wir nicht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wort als gzeans enkreenn. Ehct ksras! Das ghet wicklirh! Und dfüar ghneen ir jrhlaeng in die Slhcue!

 

 

Und als Steigerung hier Test 2:


D1353 M1TT31LUNG Z31GT D1R, ZU W3LCH3N GRO554RT1G3N L315TUNG3N UN53R G3H1RN F4H1G 15T! 4M 4NF4NG W4R 35 51CH3R NOCH 5CHW3R, D45 ZU L353N, 483R M1TTL3W31L3 K4NN5T DU D45 W4HR5CH31NL1ICH 5CHON G4NZ GUT L353N, OHN3 D455 35 D1CH W1RKL1CH 4N5TR3NGT. D45 L315T3T D31N G3H1RN M1T 531N3R 3NORM3N L3RNF43HIGKEIT. 8331NDRUCK3ND, OD3R?

 

Wir können diese Texte lesen, da wir auf das im mentalen Lexikon gespeicherte Wissen zurückgreifen. Unser Gehirn verarbeitet beim Lesen der Texte nicht die einzelnen Buchstaben, sondern die Wörter als eine Einheit im Satzkontext. Auf Basis des Kontextes und einer Mustererkennung ergänzt unser Gehirn die unvollständigen Informationen bzw. klärt mehrdeutige Informationen.

Das Erkennen der Wörter ist zum größten Teil ein automatischer, reflexartiger Prozess


Dieser Prozess erfolgt umso schneller und intensiver, je mehr Leseerfahrung der Leser des Textes besitzt. Ein Student erreicht laut Schätzungen zwischen 100.000 und 200.000 Einträge in seinem mentalen Lexikon.

Das mentale Lexikon führt außerdem dazu, dass beim Lesen etwa 17 Prozent der Inhaltswörter wie Verben, Substantive, Adjektive und zirka 62 Prozent der Funktionswörter, also zum Beispiel Artikel und Konjunktionen "übersprungen" werden. Dies wird damit erklärt, dass viele Wörter beim Lesen durch die Mustererkennung "vorhergesagt" werden.

Was bedeutet dies für die Arbeit des Technischen Redakteurs?


Der Redakteur besitzt bereits aufgrund seiner Tätigkeit ein „erweitertes“ mentales Lexikon. Dies bedeutet, dass sein Gehirn einen sehr großen Wortschatz automatisch ergänzt, beziehungsweise überspringt.

Hinzu kommt jedoch noch folgendes: Bereits beim ersten Lesen der obigen Texte ergänzte ihr mentales Lexikon automatisch die Wörter.

Der Technische Redakteur verfasst seinen Text jedoch nicht in einem Zug, sondern er liest ihn während des Schreibens wieder und wieder. Mit jedem erneuten Lesen des eigenen Textes verstärkt sich der Prozess der automatischen Mustererkennung. Mit der Folge, dass der Redakteur aufgrund psycholinguistischer Dispositionen viele Fehler in seinem Text ohne eine computerunterstützte Sprachprüfung nicht mehr erkennen kann.

 

 

 

 

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